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Kneipenroman
Kritiken

  Der Kneipenroman – Was bisher geschah….

 Warum tu ich mir das alle zwei Wochen an? Immer die gleichen Leute, dasselbe Gequatsche.

Aber natürlich ging Stefan wieder hin. Wie seit etlichen Jahren. Seit wann wusste er gar nicht mehr so genau. Man traf sich alle zwei Wochen donnerstags. Man, das waren seine Schwester Monika, ihr Mann Peter, mit dem sie nur noch auf dem Papier verheiratet war, und Willi, der aber auch sonst fast jeden Tag da war. Und eben Stefan, der aber auch sonst fast immer da war. Auf Peter hätte er gut verzichten können und seine Schwesterliebe hielt sich auch in Grenzen. So richtig mochte er eigentlich nur Willi, aber den sah er ja ohnehin fast täglich. Aber irgendwie kam er, der große Vereins- und Stammtischhasser, aus dieser Nummer nicht mehr heraus.

Also machte er sich auch diesen Donnerstag wieder auf den Weg in die Kneipe. Er wollte auf jeden Fall eher da sein als die anderen, um sich schon mal einen anzutrinken. Denn sonst würde er den Abend nicht überstehen. Fünf lange Stunden saß er heute schon fassungslos an der Übersetzung des, seiner Meinung nach, schlechtesten Buches aller Zeiten. Der Verlag bezeichnete es als „die“ literarische Entdeckung des Jahres und lobte diesen untalentierten Schreiberling in den Himmel. Stefan allerdings hätte dieses Buch noch nicht einmal einem Holländer zum Lesen gewünscht, geschweige denn einem Deutschen. Und sich am allerwenigsten… Schlechte Voraussetzungen für einen gelungenen Kneipenabend! Aber wenigstens war Susanne da, die jeden Donnerstag kellnerte. Doch leider, Toni, der Frauenversteher war auch schon da und hatte sie bereits in Beschlag genommen.

„Na, welche Tiere wollt ihr denn heute befreien? Wie wär’s denn man mal mit dem Zoo? Der eine Elefant kuckt so traurig.“

Stefan hatte gehofft, daß das Thema nun irgendwann erledigt sei, aber der Blödmann von Toni musste wieder damit anfangen, obwohl in den letzten beiden Wochen fast von nichts anderem die Rede war.

„Ich hätte da auch noch einen bescheuerten Pudel im Angebot.“

Da musste Stefan Toni ausnahmsweise zustimmen, obwohl Rosis Pudel samt Frauchen heute dank Abwesenheit mal nicht nervte.

Überhaupt hatte sich Rosi seit jener Nacht-und-Nebel-Aktion vor zwei Wochen ziemlich rar gemacht. Und auch Mike wurde nur noch ein einziges Mal gesichtet. Was zu den heftigsten Spekulationen führte.

„Ihr seid doch alle pervers“, weigerte sich Stefan daran teilzunehmen.

So richtig wusste er immer noch nicht, wie er nachhause gekommen war, jedenfalls musste er sich irgendwann von den anderen abgesetzt haben und wie auch immer bis zu seinem Bett gestolpert sein. Seine Schwester, die ihn natürlich am nächsten Tag anrief, berichtete empört, dass sie von allen im Stich gelassen wurde.

„Aber das Abhauen war ja schon immer eine Spezialität von dir.“

"Laß mich in Ruhe.“

Während er auflegte hörte er noch so was wie „Is ja wieder typisch“, aber die Vorwürfe waren nicht neu und ihm jetzt auch wirklich scheißegal.

Jedenfalls hatten sich Rosi und Mike auch abgesetzt, als Monika nur mal kurz zur Toilette im Kiosk gegangen war. Wahrscheinlich waren die Beiden deshalb heute Abend nicht da, um dem Monikaschen Donnerwetter zu entgehen, denn so ganz alleingelassen hatte auch die militanteste Tierschützerin keine Chance auf Vollendung ihrer Mission.

Daß er in den letzten zwei Wochen nichts weiter mehr von ihr gehört hatte, war ein deutliches Zeichen, dass sie ernsthaft sauer auf ihn war. Denn normalerweise nervte sie ihn mindestens zweimal die Woche mit ihren Anrufen. Bevor Stefan sich weiter Gedanken machen konnte, donnerte Monika auch schon in die Kneipe. Mit erhobenem Haupt und festem Schritt steuerte sie direkt auf Stefan zu, genau wie vor zwei Wochen, als sie mal wieder meinte, die Tierwelt retten zu müssen.

   „ STEFAN!!! Du glaubst nicht, was ich heute erfahren habe!“

Sie drückte den kleinen Bruder an ihren großen Busen und schmatzte ihm zwei Küsse auf die beiden Wangen. Der Vier-Tage-Bart, den sich Stefan seit geraumer Zeit zugelegt hatte, konnte sie von dieser ihm peinlichen Prozedur nicht abhalten.

„Die bringen hier ganz in der Nähe offiziell Tiere um!“

„ Hoffentlich auch Pudel!!“

Pudel. Scheissviecher. Jedenfalls der, der gerade hechelnd versucht Stefans Bein zu rammeln.

Der hört auf den Namen Caesar, und gehört zu Rosi.

„Wo werden Tiere umgebracht?“

War ja klar, dass Rosi, die Pudelfrau, da mitreden musste. Obwohl, eigentlich war Stefan ganz froh, denn so war er fürs erste raus aus der Nummer. Wenn nur dieser dämliche eineiige Köter aufhören würde sein Bein zu malträtieren. „Mensch, Rosi! Jetzt nimm doch mal deine scheiss Töle von mir weg. Der Einstein nervt!!“

 „Er heisst Caesar und nicht Einstein!“

 „Wieso? Der hat doch nur noch einen Stein!“

Hardy redete nicht viel, aber wenn er was sagte, so traf er meistens den Nagel auf den Kopf. Sprach´s und versank wieder in sein übliches Schweigen.

 „Hardy! Das war ja der erste zusammenhängende Satz, den ich seit Ewigkeiten von dir gehört habe!“

Stefan schaute überrascht zu Hardy. Da hatte es der Schweiger und Thekenbeißer Hardy doch tatsächlich geschafft, seine Schwester aus der Fassung zu bringen! Leider nur kurz.

 „Rosi, die haben hier ganz in der Nähe ein Tierversuchslabor aufgemacht!“

Da war es wieder. Dieses leidige Tierthema. Stefan konnte es einfach nicht mehr hören.

„Man kann´s auch übertreiben mit der Tierliebe.“

Hardy war für seine Verhältnisse heute ungemein redselig.

„Da sagst du was“, war Stefan dankbar für den Einwurf.

„Kennst du PETA?“

„Petra?“

„Nee, P-E-T-A. Das ist so ´ne Tierschutzorganisation.“

„Kenn ich nich.“

„Die nervt meine Schwester auch immer. Will unbedingt bei dieser Kampagne „Lieber nackt als Pelz“ mitmachen.

„Und was soll das??“

„Das ist so ne Werbeaktion gegen Pelze.“

„So’n Blödsinn.“

Und damit war das Thema für Hardy auch schon erledigt und er wendete sich wieder schweigend seinem Bier zu.

„Dir ist ja wieder alles egal!“ Und schon stand auch Monika wieder neben Stefan.

„Was soll ich denn jetzt machen?? In einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Tiere da befreien, oder was??“

„Zum Beispiel.“ Monika meinte es tatsächlich ernst.

„Ich hab auch schon einen Plan.“ Doch bevor sie den weiter erörtern konnte, nahte die Rettung in Gestalt von Willi.

„Seht mal, wen ich da unterwegs aufgegabelt habe.“ Willi. Stefans liebster Kneipenkumpan. Nur leider im Schlepptau Peter, der Noch-Ehemann von Monika.

Peter. Der feine Psychologe aus Rodenkirchen, der von allen nur Martin genannt wird.

„Stellt euch vor, der Junge will einen ausgeben!“ So freudestrahlend hatte Stefan Willi schon lange nicht mehr gesehen. Aber verständlich. Denn Martin gibt sonst nie einen aus.

„Wie kommen wir denn zu der Ehre?“ Diese Frage hatte Stefan eigentlich Martin gestellt, doch Monika war schneller.

„Sein drittes Buch wird bald veröffentlicht.“

Stefan hätte es wissen müssen, denn das waren die bisher einzigen Anlässe, wo Martin einen hat springen lassen. Hoffentlich zeigt jetzt keiner weiteres Interesse an dem Thema.

„Ach. Um was geht es denn?“ Stefan hätte Toni am liebsten erwürgt. Gerade noch hatte er Susanne angebaggert und nun mischte sich dieser Idiot auch noch hier ein.

„Der Titel des Buches lautet: Scheidung. Wendepunkt und Chance. Wisst ihr, dies ist ein ganz spezieller Ratgeber, der…“

„So’n Blödsinn.“ Martin schaute verwundert zu Hardy herüber, verdrehte die Augen und bevor er weiter erzählen konnte, schlug ihm Willi auf die Schultern. „Scheidung? Davon hast du doch gar keine Ahnung!“

„Würdet ihr mich bitte mal ausreden lassen.“

„Martin, es interessiert hier aber keinen!“

„Ja, Stefan, dann lass uns doch mal lieber über dein Buch reden. Schon was geschrieben?“

Sein Buch. Stefans wunder Punkt. Sein Damokles Schwert. Bevor Stefan Martin mit seinem Seidenschal erwürgen konnte, schaltete sich Monika ein.

„Ich würde euch jetzt gerne von meinem Plan zur Befreiung der Tiere berichten.“

Na gut, dachte Stefan. Lieber über Tiere reden als über sein Buch! Wenn er nur etwas mehr Zeit hätte, dann wäre sein Roman längst fertig. Zumindest das erste Kapitel. Aber nein, ständig kommen diese Übersetzungen aus dem Niederländischen dazwischen und irgendwie musste er ja Geld verdienen. Doch bevor er sich weiter seiner Lieblingsausrede hingeben konnte, zog Monika wieder die ganze Aufmerksamkeit auf sich.

„Zufällig kenne ich jemanden, der für die Videoüberwachung des Labors zuständig ist und…“

Willi ließ Monika nicht ausreden und orderte lauthals die nächste Runde.

„Wenn der Junge schon mal so spendabel ist, müssen wir das auch ausnutzen.“ Sprach´s und kippte sich das Kölsch auf ex runter. Monika und Stefan taten es ihm gleich, nur Martin nippte vorsichtig an seinem Glas.

„So, und jetzt noch ´ne Runde Schnaps auf unseren erfolgreichen Scheidungsautor.“

„Wie, der Martin gibt einen aus?“, mischte sich Mike in die Runde ein. Der hatte schon vor der Kneipe stehend 4 Dosen Bier getrunken und war wie immer auf der Suche nach einem edlen Spender. Martin schaute ihn pikiert an und drehte sich wieder den anderen zu.

„Mach dem Mike ein Kölsch auf mich.“ Rosi öffnete mal wieder ihr großes Herz. „ Junge Künstler muss man unterstützen.“

„Der soll ein Künstler sein? Dieser Straßenmusikant?“

„Toni, lass den Jungen in Ruhe! Der wird seinen Weg schon gehen!“

„Rosi, nimm du lieber endlich deinen Einstein an die Leine.“

„Caesar. Er heißt Caesar!“

„Susi, stell uns doch einfach die Flasche auf den Tisch. Dann brauchst du dich nicht so oft zu bücken. Und gib dem Mike `n leeres Glas.“

Willi war wie immer praktisch veranlagt.

„Und was ist mit mir?“

„Toni, du hast genug Geld. Und gib der Rosi noch ein Likörchen. Ist doch okay, Martin oder??“

Bevor Martin sich wehren konnte, prosteten ihm alle zu.

„Also, das ist ein alter Bekannter aus Studientagen von mir…“

„Wer??“

„Ja, der der für die Videoüberwachung zuständig ist.“

„Ach, der!“

„Genau. Der hat mir angeboten die Videoüberwachung für eine Stunde lahm zu legen.“

„Häh??“

„Ja, damit wir die Tiere befreien können!“

„Monika, du willst doch nicht allen Ernstes in das Labor einbrechen??“

„Ja, warum denn nicht, Stefan?! Willst du etwa tatenlos zusehen, wie dort Tiere leiden!“

„Ja, warum denn nicht?!“ Das Thema nervte Stefan, außerdem waren ihm Tiere relativ egal. Seit er im Alter von 5 Jahren in einem Streichelzoo von einem Hamster gebissen wurde, meidet er tunlichst jeglichen Kontakt zu diesen unberechenbaren Biestern.

„Stefan. Leidest du etwa immer noch an deinem Hamster-Trauma? Wie gesagt, ich kann dir da einen Kollegen von mir nur wärmstens empfehlen.“

„Boahr, Martin. Jetzt lass mich mit diesem Scheiß in Ruhe!“

„Du solltest das aber wirklich mal langsam therapieren lassen.“

Stefan verdrehte die Augen und schenkte sich noch einen Schnaps ein. Das konnte nicht gut gehen, denn sonst trank er nie Schnaps.

„Ach. Und der kann das echt aus machen?“

„Ja, Rosi. Er hat mir zugesichert, das System für eine Stunde lahm zu legen.“

„Monika. Damit machst du dich strafbar! Einbruch ist kein Kavaliersdelikt!“

„Sprach der Psychologe aus Rodenkirchen.“ Mike schenkte sich einen weiteren Klaren ein.

„Was hat das denn jetzt bitteschön mit Rodenkirchen zu tun?“ Martin griff auch noch mal zur Schnapsflasche.

„Rodenkirchen ist ja weithin bekannt für seine revolutionären Zellen!“

Auch Stefan langte erneut zu.

„Hier in Sülz habt ihr ja den Kommunismus erfunden.“

„Ja, Martin. Du glaubst gar nicht, was hier alles so geplant wird.“

Willi schenkte sich und Monika nach.

„Die Rosi braucht noch ´nen Likör!!“ 

Mike lallte schon etwas.

„Kein Geld in der Tasche, aber auf Kosten anderer was bestellen. Typisch!“

„Wann kann der denn diese Überwachung abschalten?“  

Der dritte Baileys hatte Rosi sichtlich zugesetzt.

„Ich brauch den nur anzurufen. Der kann das Ding jederzeit abschalten.“

„Dann mach doch. Caesar und ich sind bereit.“

„Großartig! Wer noch?“

„Sag mal, habt ihr sie noch alle?? Ihr könnt doch nicht tatsächlich versuchen ein Labor zu sprengen!!“

Toni stand fassungslos an der Theke.

„Du musst ja nicht mitmachen, Toni!“

„Ist mir doch lieber, so ´ne scheiß Ratte verreckt als ich“.

Wo kam auf einmal Roland her. Muß sich ausnahmsweise mal unauffällig hereingeschlichen haben.

„Du hast uns gerade noch gefehlt.“

Auch noch der Klugscheißer, dachte Stefan und fragte sich zum xten Mal, ob er seine Zeit nicht sinnvoller nutzen könnte.

„Sollen die denn die Medikamente an mir testen oder was?“

Keine schlechte Idee, dachte Stefan und versuchte Blickkontakt zu Susanne aufzunehmen. Doch die schien tatsächlich Roland zuhören zu wollen.

„Ratten und Karnickel gibt es zuhauf. An denen kann man gut testen.“

So Arschlöcher wie dich gibt es auch zuhauf, dachte Stefan und schenkte sich und den anderen nach.

„Du quasselst immer nur dummes Zeug, Roland!“

„Du solltest dich lieber mal ums Vögeln kümmern als um Vögel!“

Der war gut, musste Stefan neidvoll eingestehen.

„Du bist so ein primitives Arschloch!!“

„Das war jetzt aber nicht die feine Art, Roland!“

„Rosi, trink du doch einfach noch ´nen Baileys.“

„Ihr Lieben! Streit muss man nicht lauthals lösen. Wir sollten das alles ruhig in der Gruppe diskutieren und…“

„…und am Ende liegen wir uns alle in den Armen und haben uns lieb. Mensch, Martin, lass sie doch einfach!“ Wie gesagt, Willi war praktisch veranlagt.

„Trinken wir doch lieber noch einen!“ Woher zum Teufel kam die zweite Flasche?? Egal. Jetzt ist eh alles egal…

„Also, der schaltet das System ab. Wir brechen die Tür auf und öffnen die Käfige.“

Hähhh?? Hatte Stefan das gerade richtig verstanden?? Irgendwie läuft das gerade alles aus dem Ruder.

„Und wo bringen wir die Tierchen hin?“

„Ich will aber keine drecks Ratten zu Hause haben!“

„Martin hat einen großen Garten.“

„Also, Monika, davon wusste ich jetzt noch nichts!“

„Ja, wohin sollen sie denn sonst?“

„Ich sag doch, in Rodenkirchen sitzen die revolutionären Zellen.“

„Ich habe dem ganzen noch nicht zugestimmt!“

„Ich komme gerne zweimal die Woche vorbei und füttere die Tiere.“

„Großartig!“

Monika strahlte über das ganze Gesicht.

„Moment. Irgendwas läuft hier gerade falsch!“

„LETZTE RUNDE!!“

Endlich sprach, nein schrie, Susanne die befreienden Worte. Zumindest heute wäre Stefan froh gewesen, wenn es wirklich so wäre. Aber natürlich war die Ankündigung auch heute nur wieder, wie Willi es ausdrückte, ein „Serviervorschlag“.

„Dann mach doch mal…“

Willi machte seine berühmte Bewegung mit dem in die Luft gereckten kreisenden rechten Zeigefinger, den jede Bedienung verstand: LOKALRUNDE!

„Ich muß jetzt aber wirklich langsam gehen.“

„Martin, du kannst auch schnell gehen.“

„Sehr witzig Stefan. Aber Susanne, mach mir bitte mal die Rechnung. Ich muß morgen wieder früh raus.“

Endlich, dachte Stefan. Eigentlich hätte auch er gehen müssen, denn spätestens um zehn wollte er wieder am Schreibtisch sitzen, seinem Wochenpensum hinkte er weit hinterher. Das lief wohl wieder auf ein paar Nachtsitzungen hinaus. Doch daran dachte er jetzt eher ungern. Scheiß Übersetzung.

 „Ich mach jetzt Nägel mit Köpfen und ruf Pierre an.“

„Wer zum Teufel ist Pierre“?

Doch Monika hatte schon ihr Handy gezückt und war auf dem Weg nach draußen.

Susanne klärte ihn auf, denn irgendwie musste ihm in der letzten viertel Stunde was entgangen sein. Dabei hatte er sich nur kurz mit Toni unterhalten. Muß wohl doch etwas länger gewesen sein. Scheiße, irgendwie lief ihm das langsam aus dem Ruder. Scheiße, immer wenn er die Worte „scheiße“ und „irgendwie“ zu oft benutzte wurde es bedenklich.

Egal, Pierre war der Typ von der Videoüberwachung. Seine Schwester wollte also wirklich ernst machen. Und Stefan wusste, dass sie in diesem Stadium nicht mehr zu bremsen war. Aber scheiße, irgendwie war ihm das jetzt auch egal.

„Sag bloß, du willst da auch mitmachen?“

Zum ersten Mal an diesem Abend hatte er Gelegenheit, mit Susanne ein paar Worte alleine zu wechseln. Alle anderen stritten sich lauthals über „die Aktion“ und schienen bereits einen Schlachtplan zu entwickeln.

„Ach weißt du, ihr quatscht immer nur groß an der Theke rum, ihr Weltmeister. Aber wenns mal darum geht, irgendwas zu tun, dann seid ihr so klein.“ 

Auf die Diskussion hatte er jetzt gar keine Lust, auch wenn sie natürlich tausendmal recht hatte.

„Ja, du hast ja recht.“

Da war er wieder, der kleine Opportunist, der den Frauen nach dem Mund redete, wenn er sich nur einen kleinen Vorteil davon versprach. Bloß welchen?

„So! Hier habt ihr die Werkzeugkiste. Schön drauf aufpassen!“

Werkzeugkiste?? Irgendwie ist noch mehr an Stefan vorbei gegangen als er gedacht hatte.

„Hier Stefan. Am besten trägst du die.“ Und ehe sich Stefan versah, drückte Willi ihm auch schon die Kiste in die Hand.

„Was soll ich damit?“

„Macht ihr mal euer Ding alleine. Ich muss morgen wieder früh raus.“

Da stand er nun völlig verdattert mit einer riesigen Werkzeugkiste in der Hand und fragte sich zum hundertsten Male, wieso er sich diese Abende immer wieder antat.

„Oh Stefan. Wie ich sehe bist du ja startklar.“ Freudestrahlend kam Monika wieder die Tür hinein.

„Also, Leute. Es ist alles geregelt. Pierre stellt in einer halben Stunde das System aus. Wir haben dann ca. 1 Stunde Zeit. Großartig, nicht wahr?“

Wenig später fand sich Stefan auf der Straße wieder, im Schlepptau von Monika, Mike und Rosi. Nach ein paar hundert Meter musste der Kreuzzug wider die Tierquälerei auf Geheiß von Rosi stehen bleiben. „Meint ihr nicht, wir sollten uns maskieren? In den Krimis im Fernsehen und auf den Fahndungsfotos in der Zeitung haben die sich immer etwas übers Gesicht gezogen.“

„Natürlich!!! Daran habe ich gar nicht gedacht!!“

Maskieren?? Drehen die jetzt völlig durch?? Stefan sah schon sein Foto in der Zeitung, auf dem sein Gesicht trotz übergestülptem Strumpf deutlich zu erkennen war, nur leicht ins Lächerliche verzerrt, mit einer platt gedrückten Nase. Doch ehe er weiter über den Begriff „blickdicht“ nachdenken konnte, griff Monika schon nach einem der vielen Altkleidersäcke, die mal wieder am Straßenrand ihrer Abholung harrten.

„Schauen wir doch einfach mal, ob da was Brauchbares drin ist.“

Na großartig, dachte Stefan. Jetzt wühlen wir auch noch nachts in alten, vergammelten Klamotten rum.

„Lasst uns erst mal ´nen Schluck aus der Pulle nehmen.“

„Wie kommst du denn an die Flasche??“

„Ja, die hab ich mitgenommen. Der Psychoonkel hat die doch bezahlt! Das darf man doch nicht verkommen lassen!“

Da hatte Mike ausnahmsweise mal Recht, befand Stefan und setzte zu einem tiefen Schluck an. Derweil zog Monika Rosi probehalber eine alte Leggings über den Kopf.

 „Echt gute Tarnung. Jetzt siehst du genauso beschissen aus wie dein Pudel“, waren sich Mike und Stefan einig.

 „Ich seh aber nix.“ Rosi wäre fast über ihren Hund gestolpert.

„Wir schneiden da noch Löcher rein.“

„Ja und womit?“

„Mit einer Schere?“

„Wir haben aber keine. Oder hat hier jemand zufällig ´ne Schere dabei.“

„Lasst uns doch mal schauen, was in der Kiste ist.“

„Super Idee, Monika. Vielleicht können wir ja ein Loch in die Leggings hämmern.“

„Sei nicht immer so ein Pessimist, Stefan. Los, mach mal die Kiste auf!“ Unterdessen setzte Cäsar mit lautem Gebell alles daran, die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft auf die illustre Truppe zu lenken. Was ihm auch prompt gelang.

„RUHE da unten. Sonst hole ich die Polizei!!“

Was vielleicht nicht das schlechteste wäre, dachte Stefan. Eigentlich hatte er nie Sehnsucht nach den Bullen gehabt, aber jetzt wäre es ihm durchaus recht gewesen, wenn sie diesem Spuk ein Ende bereiten würden.

Gezwungenermaßen setzte sich der Trupp wieder in Bewegung. Stefan mit der Werkzeugkiste, Mike mit der Flasche Schnaps, Monika mit dem Altkleidersack und Rosi, wieder legginglos, mit Cäsar.

Da trumpfte Mike auf mit seiner profunden Kenntnis der Kölner Trinkhallenlandschaft.

„Da vorne umme Eck ist ein 24-Stunden-Kiosk. Lasst uns da mal Nachschub besorgen.“ Der lange Marsch und der Schnaps hatten verdammt durstig gemacht.

Der 24-Stunden-Kiosk war überraschend gut sortiert. Sogar kleine Baileys- Flaschen gab es. Monika nervte rum. Stefan hörte nur noch Labor, Labor. Egal. Nun war Stefan eh alles egal. Hauptsache er muss sich nicht so ne alberne Leggings über den Kopf ziehen.

 Als Stefan am nächsten Tag mit dröhnendem Schädel erwachte, fragte er sich zuerst, wo er überhaupt sei. Gott sei Dank in seinem eigenen Bett! Jedenfalls war es schon hell, als er nach Hause kam, oder war es die grelle Neon-Beleuchtung des Kiosks, dessen Strahlen sich da gerade in sein Gehirn bohrten. Der Kiosk war sein Untergang gewesen. Das letzte Bier, der letzte Schnaps, und noch mal, und noch mal, und…

Das letzte, woran er sich erinnern konnte war, dass er mit Mike eine Grundsatzdiskussion über niederländische Literatur führte, wobei Mike behauptete, Holländisch sei keine Sprache, sondern eine Halskrankheit. Stefan hatte nicht sehr vehement widersprochen.

 

 Auch heute polterte Monika wie gewohnt in die Kneipe.

Hinter ihr erblickte Stefan Martin, der scheinbar etwas Schweres trug, so schräg wie der ging.

„Du JUDAS!!!“

„Also, was Monika eigentlich sagen will, ist, dass sie ernsthaft enttäuscht von dir ist, Stefan.“ Sprach´s und stellte die Werkzeugkiste neben Stefan.

„Schau mal einer an! Der Seelenklempner hat seine Werkzeugkiste dabei!“

Martin schaute Toni distinguiert an, sagte nichts und drehte sich wieder Monika und Stefan zu. Monika funkelte Stefan wild an und er befürchtete schon in den nächsten Sekunden zerfleischt zu werden.

„Eine Kneipe ist zwar nicht der richtige Ort, aber, wenn ihr es wünscht, so biete ich mich euch gerne als Mediator an.“

Auch das noch, dachte Stefan…

„Moderator?? Was willst du denn moderieren??“ Rosie. Mit Caesar/Einstein im Gepäck traute sie sich wohl doch in die Kneipe.

„Das heisst Mediator, Rosi und nicht Moderator! Als Mediator versucht man…“

„Und du!! Du bist auch ein JUDAS!!“, zischte Monika Rosi an. Erschrocken schaute Rosi Monika an, drückte Caesar fest an sich und sagte:

„War Judas nicht der von Jesus??“

„Wieso lässt mich eigentlich nie jemand ausreden? Also, ein Mediator…“

„Sag mal, Rosie. Warum hast du so lila Haare??“ Rosie fasste sich verschämt in die Haare und drohte Caesar zu zerquetschen, wenn sie ihn noch fester an sich drückte.

„Leila macht geiler, was?“

„Mensch, Toni. Jetzt lass doch mal Rosie zufrieden!! Gleich erstickt sie noch ihren Köter!!“ Stefan hatte endlich seine Sprache wieder gefunden.

„Danke, Stefan. Du bist ein lieber Junge!“

Zum Dank schmiegte sich Rosie mitsamt Caesar an ihn und tätschelte seinen Arm. Und plötzlich stieg ihm ein fürchterlicher Geruch in die Nase, der irgendwie von Caesar auszugehen schien oder auch von beiden. Das war nicht mehr auszumachen. Ihm wurde speiübel und er drückte Rosie von sich weg.

„Hast du den Hund einparfümiert??“

„Ich weiß gar nicht was du hast. Riecht doch gut, das Tosca.“

„Ja, mit Tosca kam die Zärtlichkeit“, hörte Stefan Hardy brummeln.

„Ach deshalb.“

„Rosi, du kannst doch nicht einen Hund einparfümieren“

„Warum denn nicht. Wenn ihr wüsstest, wie der gestunken hat vor zwei Wochen.“

„Alle Hunde stinken.“

„Cäsar nicht. Aber als der Mike da drauf, äh, ich mein als der brechen musste…“

„Wie? Mike hat auf den Hund gekotzt?“

„Schöne Vorstellung.“ Auf Hardy’s Einsilbigkeit war wirklich immer Verlass!

„Ich hab ihn dreimal einshampooniert und der Geruch ging immer noch nicht raus. Und da ich ja schon seit ´n paar Jahrzehnten drei Flaschen Tosca in meinem Schränkchen habe…“

„Also, ich weiss nicht was schlimmer stinkt. Tosca oder Mikes Kotze!?“

„Aus tierärztlicher Sicht gesehen ist das völlig inakzeptabel, Rosie! Zum einen haben Hunde eine sehr empfindliche Nase und zum anderen auch eine empfindliche Haut.“

„Ach, deswegen kratzt er sich ständig.“

„Wir sollten den Pudel befreien!“ Toni lachte als einziger über seinen Scherz und griff andeutungsweise zur Werkzeugkiste.

„Der MEDIATOR…“ versuchte Martin wieder.

„Jetzt lass mal gut sein, Martin. Also, was war jetzt mit Mike?“

„Das würde mich allerdings auch mal interessieren, nachdem ihr euch alle so sang- und klanglos aus der Affäre gestohlen habt.“ Wieder funkelte Monika böse in die Runde und blieb mit ihrem Blick bedrohlich lange bei Stefan hängen.

„Gib der Rosie mal nen Baileys. Dann kann sie sich bestimmt besser erinnern.“ Rettete sich Stefan aus der Situation. Denn ein „Böse-Blicke-Duell“ mit Monika hatte er bisher immer verloren…

„Na, ihr Banausen! Was treibt die Kunst? Schmiedet ihr wieder Pläne?? Gibt’s was Neues an der Front?“ Willi polterte, sich den Bauch haltend vor Lachen, in die Kneipe. Zur Begrüßung schlug er Martin und Stefan so heftig auf die Schultern, dass Martin fast vom Hocker fiel.

„Rosi hat was mit Mike.“

„Toni, red doch nicht so´n Blödsinn.“

„Dann erzähl doch endlich was passiert ist.“

„Was soll denn passiert sein. Der Mike war so betrunken, dass er nicht mehr gehen konnte. Da hat er halt bei mir übernachtet.“

„Da haben wir´s doch.“

„Auf´m Sofa natürlich.“

„Und zuvor hat er auf Einstein gekotzt, oder was?“

„Ich wollte ihn gerade mit Oma Eddas Decke zudecken, da richtete er sich auf und fing an zu würgen. Leider war zufällig Caesar in der Schusslinie…“

„Wenn man vom Teufel spricht! Bringt den Pudel in Sicherheit. Mike kommt!“ Stefan war sich sicher. Irgendwann würde er Toni mal das Maul stopfen!!

„N’Abend. Was glotzt ihr denn so??“ Mike schlurfte in seiner gewohnten lässigen Art zu den Vieren an den Tisch.

„Du hast bei Rosie gepennt und auf Einstein gekotzt!“

„Boar, Toni… Geh mir nicht auf den Sack!! Hat jemand ein Kölsch für mich?“

 

Rosie. Seltsame ältere Dame. Liebt ihren Pudel über alles. Seit 15 Jahren Witwe. Und das war auch schon alles, was Stefan über sie wusste. Da trifft man sich seit Jahren in der Kneipe und mehr wusste er einfach nicht über sie! Hat sie noch ein Liebesleben? Was macht sie, wenn sie nicht in die Kneipe geht? Hobbies? Ein riesiges Fragezeichen. Aber, mal ganz ehrlich, was weiß er überhaupt über das derzeitige Liebesleben seiner Schwester?? Früher jedenfalls schien sie immer genau zu wissen, was oder wen sie haben wollte. Und den bekam sie auch. Meistens. Da tat er sich schon ein wenig schwerer.

  

„Das stimmt doch gar nicht. Ich finde, Holländisch klingt sehr melodisch.“

„Jaja, da hast du ja recht.“

Stefan spürte, dass es ein Riesenfehler wäre, ihr zu widersprechen. Jetzt, wo er es endlich einmal geschafft hatte, mit ihr allein reden zu können. Darauf hatte er lange genug gewartet. Ann-Kathrin. Der Schwarm der Schule. Und nun stand sie vor ihm. Wunderschön. Mit einem Bacardi Cola in der Hand.

Bis jetzt hatte man sich immer nur kurz gegrüßt auf dem Schulhof oder ein paar Floskeln gewechselt. Wie das eben so ist in der Schule. Ann-Kathrin war 16, ein Jahr jünger als er und lebte doch schon in einer ganz anderen, erwachseneren Welt. Zumindest war das sein Eindruck.

„Ich mag Holland ja auch. Wir fahren da zweimal im Jahr in den Urlaub.“

„Ach, wohin denn?“

„Callantsoog.“

„Kenne ich gar nicht!“

Muss man auch nicht kennen, dachte sich Stefan. Aber stattdessen sagte er:

„Ist spitze da!“

Sie schaute ihn an und… sagte nichts! Oh Gott, dachte Stefan, ich muß jetzt irgendwas von mir geben, möglichst was originelles. Doch da unterbrach schon Ann-Kathrin die stundenlange Stille.

„Hast du schon mal ´nen Joint geraucht?“

Joint?? Das komische Kraut aus den 70ern, wovor ihn seine Eltern immer warnten??

„Äh, klar! Spitzen Zeug!“ Jetzt bloß nicht den Unerfahrenen spielen.

„Möchtest du mit mir einen rauchen?“

„Klaro. Hab ich letztens noch!“ Meine Eltern bringen mich um!!! Und ich komme definitiv in die Hölle!!! Aber vorher ende ich als Drogenopfer in der Gasse…

„Dann drehe ich uns mal einen. Ist aus Den Haag.“

„Jaaaa, das Zeug ist echt spitze da!“

Irgendwie schaute sie ihn nun seltsam an. Hatte er was Falsches gesagt??

„Geil! Dreht ihr gerade ´nen Joint?“ Thomas. Der Arsch! Immer kommt er dazwischen. Einen Kopf größer und der absolute Mädchenschwarm. Außerdem war es ja ein Heimspiel für ihn, im Partykeller seiner Eltern. Schnell weg hier! Gegen den komme ich eh nicht an.

„Ähh, ich gehe mal kurz auf die Toilette!“

Stefan steuerte den Kühlschrank im Nebenraum an. Er schenkte sich noch einen Bacardi Cola ein, obwohl sein Glas, das er gerade abgestellt hatte, noch fast voll war. Was weg muss, muss weg! Scheiß Thomas! Und da saß auch schon Anette neben ihm und schaute ihn durch ihre riesigen Brillengläser fragend an.

„Na, so alleine, junger Mann?“

Witzig ist sie ja schon, nur leider ziemlich hässlich! Egal. Stefan schob ihr den 2. Bacardi Cola rüber.  

„Lass uns doch mal Brüderschaft trinken!“

Anette ließ keinen Trick aus, um an einen Kuß zu kommen.

„Aber wir sind doch schon per Du.“ Eine blödere Ausrede fiel Stefan

gerade nicht ein. Andererseits, war mit Anette zu knutschen nicht besser als gar nichts? Das konnte nicht der richtige Ansatz sein. Aber was hatte er zu verlieren? Höchstens, dass Ann-Kathrin wahrscheinlich dann gerade um die Ecke biegen würde, und er sich damit auch schon den kleinsten Ansatz einer Chance verspielt hätte. Andererseits, von einem Kumpel hatte er mal mitbekommen, dass der extra mit anderen Mädchen knutschte, um diejenige eifersüchtig zu machen, die er eigentlich haben wollte. Aber warum sollte Ann-Kathrin eifersüchtig werden, die doch jeden haben konnte, den sie haben wollte. Aber vielleicht war das gerade der Trick. Vielleicht sollte er so tun, als habe er nicht das geringste Interesse an ihr. Noch während Stefan die Pro und Contra abwägte, kam Anette gefährlich nahe und er erschrak sich fast zu Tode als er in zwei riesige, sehnsuchtsvolle Augen schaute. Doch je näher sie kam, desto penetranter stieg ihm der Duft von Räucherkerzen in die Nase, für die Anette eine besondere Vorliebe hatte. Er spürte eine leichte Übelkeit. Von den Räucherkerzen oder vom Bacardi Cola war nicht genau auszumachen.

„Ich glaub, ich muß mal…“

Er stürzte zur Toilette und warf sich über die Schüssel. Aber außer einem geräuschvollen Würgen kam da einfach nichts.

„Stefan, alles okay bei dir??“

Ann-Kathrin. Die hatte ihm jetzt noch gefehlt. Soll die doch zu ihrem Thomas gehen…

„Boar, der Thomas langweilt total. Was ist mit unserem Joint? Oder möchtest du erst mal kotzen?“

„Ähh, ich kotze nicht!“

„Warum würgst du dann?“

„Ich hab mich verschluckt!“

Verschluckt?? Was rede ich da für ein Schwachsinn??

„Ah, okay. Ich warte vorm Klo auf dich.“

Na, großartig!! Jetzt steht die Frau meiner schlaflosen Nächte mit einem Joint vorm Klo und wartet auf mich. Wenn ich jetzt nicht brechen muss, dann sicherlich nach dem Zeug… Cool bleiben. Einfach cool bleiben.

Er öffnete die Toilettentür und versuchte ganz locker zu wirken.

„Dann gib mal her die Tüte.“ Er kam sich großartig vor. Ann-Kathrin schaute ihn erstaunt an, lächelte und reichte ihm den Joint.

„Du hältst den falsch!“

„Nee, ich mache das immer so.“

„So macht das aber keiner.“

Scheiße! Wie raucht man so ´n Ding??

„Soll ich dir zeigen wie es geht? Hab doch direkt gerafft, dass du noch nie gekifft hast.“

„Äh, ich weiss nicht was du meinst!“

„Mensch Stefan! Jetzt tu doch nicht so. Du kommst aus ´ner erzkatholischen Familie. Als ob du jemals ´ne Tüte geraucht hättest. Deine Eltern haben dir wahrscheinlich mit der Hölle gedroht, solltest du jemals so was tun!“

Jetzt war Stefan sprachlos. Wie kam sie darauf? Warum weiß sie überhaupt was von meiner Familie? Er fing an zu grinsen. Hatte sie vielleicht doch Interesse an ihm, ohne dass ihm das aufgefallen wäre.

„Woher willst du das denn alles wissen?“

„Naja Stefan, soviel Bäckereien gibt’s in Lüdinghausen auch wieder nicht.“

Scheiße, so banal war das also. Stefan ärgerte sich über seine Naivität.

„Warum grinst du denn jetzt so? Komm! Gib den Joint mal her und stell dich nicht so an. Ist doch ganz einfach.“

Da war es eben wieder. Routiniert zog sie an ihrem Joint und war Lichtjahre von ihm entfernt. Er kam sich wieder wie ein pubertierender Junge vor, der für eine Frau schwärmte, eine echte Frau, kein Mädchen mehr wie Annette mit den dicken Brillengläsern oder Sabine, das Lehrmädchen aus der Bäckerei seiner Eltern.

Sabine war die erste „Angestellte“, die sie jemals hatten. Vorher stand sein Vater ab drei Uhr morgens in der Backstube und um sieben öffnete seine Mutter den Laden. Wenn es besonders voll wurde, samstags zwischen zehn und zwölf, musste seine Schwester Monika aushelfen. Doch die hatte irgendwann keine Lust mehr, und ganz andere Interessen, und als zwei Bäckereien im Ort innerhalb kurzer Zeit schlossen, nahm der Betrieb immer mehr zu.

Sabine war eine irgendwie Verwandte etlichen Grades und suchte eine Lehrstelle.

Warum gerade bei uns, dachte Stefan, als sie in Begleitung ihrer Eltern zum ersten Mal in der Bäckerei zum sogenannten Vorstellungstermin erschien. Wobei von einer ernsthaften Bewerbung nicht die Rede sein konnte, denn natürlich konnten seine Eltern der auch noch so entfernten Verwandtschaft keine Absage erteilen.

Als sie ihm den Joint reichte, versuchte er genauso routiniert damit umzugehen wie sie. Nur nicht husten, dachte er. Aber sie hatte ihn doch schon längst durchschaut. Was muß ich ihr jetzt noch beweisen? Oder mir?

Ich muß die aufkommende Übelkeit überspielen.

Er fühlte sich mit der gesamten Situation gerade überfordert. Den Joint hatte er gerade wieder Ann-Kathrin gegeben, die wieder routinierte. Verdammt, wie lange brennt so ein Ding? Er hatte keinerlei Lust noch mal zu ziehen, aber wie rauskommen aus der Situation, ohne sich aller Chancen zu berauben.

„Sollen wir nicht lieber noch einen trinken?“

„Okay, hol uns noch zwei Bacardi-Cola.“

Mit so wenig Gegenwehr hatte er nicht gerechnet.

Als er aus der Küche mit den zwei Gläsern zurückkam, nahm Thomas gerade einen tiefen Zug aus der Tüte, und Stefan meinte einen bewundernden Blick in Ann-Kathrins Augen entdeckt zu haben.

Zum Glück hatten sie ihn noch nicht gesehen.

Soll ich trotzdem zu den beiden gehen oder mich lieber zurückziehen?

Die Frage war rein rhetorisch. War ja klar, dass es früher oder später so kommen musste.

Die zwei Bacardi kann ich auch allein trinken.

Zum ersten Mal war er diesem beschissenen Thomas dankbar, dass es in diesem beschissenen Partykeller dunkle Ecken gab, in denen man sich ungestört betrinken und sich ganz seinen Gedanken hingeben konnte. Obwohl die gerade in Richtung Alptraum tendierten.

Okay, ich mixe mir noch ein ordentliches Glas und dann gehe ich zum Angriff über.

„Da steckst du!“

Entweder war der Räucherkerzenduft mittlerweile verflogen, oder er wurde von anderen Gerüchen überlagert.

„Soll ich uns noch was zu trinken holen?“

Stefan trank sein Glas in einem Zug leer und drückte es Anette in die Hand.

„Kann ja nix schaden.“

Zum ersten Mal in seinem Leben überlegte er, ob Pragmatismus nicht sinnvoller sei als Idealismus. Mein Gott Junge, was macht Alkohol nur aus dir. Oder war es der eine Zug am Joint. Der Spatz in der Hand ist besser… Das war die Sprache seiner Eltern und Onkels und Tanten, die auf Familienfesten ihre gesammelten Alltagsratschläge an ihn weitergaben und die offenbar von allen in seiner Familie beherzigt wurden außer von ihm.

„Sag mal, flüchtest du die ganze Zeit vor mir??“ Fast wäre Stefan vor Schreck vom Stuhl gefallen, als Ann-Kathrin plötzlich neben ihm auftauchte. Amüsiert zog sie am Joint und reichte ihn ihm.

„Ähh… Ich musste nur mal kurz sitzen.“

Oh Mann, heute scheint der Abend der einfallsreichen Ausreden zu sein. Blöder geht’s nun wirklich nicht! Jetzt lieber schnell an dem Ding ziehen, bevor noch irgendein doofer Kommentar kommt.

„Stefan!! Du rauchst Gras???“ Just in dem Moment, als Stefan einen tiefen Zug nahm, kam Anette mit zwei Bacardi-Cola um die Ecke. Er verschluckte sich und bekam einen tierischen Hustenanfall. Das nächste was Stefan spürte, waren Hände, die eifrig auf seinen Rücken einschlugen.

„Geht schon, geht schon.“ Das war eher geröchelt als gesagt.

„Was sagt er?“ Anette und Ann-Kathrin schauten sich fragend an.

„Ich sagte, es GEHT SCHON!“

„Ach so, sag das doch gleich!“ Sehr witzig, Ann-Kathrin.

„Mensch, Stefan, durch deinen Hustenanfall hast du so tief inhaliert, daß gar nix mehr raus kam.“

Häh??

„Was kam nicht mehr raus?“

„Du hast den Rauch nicht ausgepustet.“ Ann-Kathrin zwinkerte ihm zu. In Zeitlupe. Wie macht sie das bloß? So etwas hatte er noch nie gesehen. Interessant. Er wollte sie gerade fragen, wie sie das machte, doch da schaltete sich Anette ein.

„Seit wann rauchst du Gras?“ Gras? Was für Gras?

„Ich rauche doch kein Gras, Anette. Das ist Haschisch.“ Wieso schauten sie ihn denn jetzt so fragend an? Und warum hatte er das Gefühl einen Filzlappen im Mund zu haben und warum hat Thomas eine Maske auf? Und warum liegt hier eigentlich Stroh?

„Stefan, ich glaube du bist bekifft. Man versteht gar nicht was du sagst!“

Wie auch, mit einem Filzlappen im Mund?? Dachte sich Stefan noch, als Anette sich zu ihm herüber beugte und ihm tief in die Augen schaute. Stefan starrte fasziniert zurück. So große Augen hatte er noch nie gesehen. So groß wie Äpfel. Und sie schienen ihm direkt in die Seele zu schauen.

„Glotz meine Seele nicht an! Die gehört mir!!“

„Stefan. Es wäre vielleicht echt besser, wenn du jetzt nach Hause gehst. Man versteht dich kaum. Du hast ´nen Tripp.“ Kluge, schöne, nein, wunderschöne Ann-Kathrin. Mit riesigen Brüsten. Waren die schon immer so groß? Er fing an zu lächeln und fiel mit seinem Kopf in Ann-Kathrins Dekolleté.

 Stefan wachte zusammengerollt auf einer Bank auf. Immer noch im Partykeller. Ein paar Gestalten tanzten noch herum. Oh Gott, dachte sich Stefan. Ich muss sofort in mein Bett! Irgendwie gelang es ihm, sich unbemerkt von der Party zu stehlen und auf die Straße zu gelangen.

 Leider war sein dritter Mercedesstern, den er klauen wollte, der eines Polizeiwagens…

„So, junger Mann. Weißt du eigentlich, dass das Beschädigung öffentlichen Eigentums ist?“

„Aber ich wollte doch drei Sterne für Ann-Kathrin sammeln!“

„So, so. Drei sagtest du?! Dann nehmen wir dich jetzt mal besser mit und bringen dich nach Hause.“

„Darf ich die Sterne denn behalten?“ Der Polizist sagte gar nichts mehr und verfrachtete Stefan ins Auto.

„Na, Stefan. Zu tief ins Glas geschaut? Wir wollten eh gerade zu euch, frische Brötchen kaufen.“

Das hat man davon, wenn man in einer beschissenen Kleinstadt aufwächst… Wieder etwas mehr Herr seiner Sinne, überlegte Stefan krampfhaft, wie er aus dieser Situation am besten heraus kam. Er wurde unter Drogen gesetzt und kann sich an nichts mehr erinnern. Nein, das kam der Wahrheit zu nahe und außerdem wollte er seine Freunde nicht in den Dreck ziehen. Der Mett-Igel war verdorben und die Bakterien und Keime lösten Aggressionen bei ihm aus. So ein Quatsch! Und außerdem würde er dadurch Thomas’ Vater, der Metzgermeister ist, in die Pfanne hauen.

„Überlegst du gerade, wie du am besten aus der Sache rauskommst?“ Max, der Polizist, den er schon seit seiner Kindheit kannte, schaute ihn etwas amüsiert an. „Leider können wir da gar nix machen. Das war Beschädigung öffentlichen Eigentums, Stefan. So was macht man nicht!“

Ja, das wusste Stefan leider auch. Trotzdem musste es doch irgendeinen Ausweg geben! Er hatte noch nicht richtig zu Ende gedacht, da standen sie auch schon vor der Bäckerei seiner Eltern. Nie im Leben wird er den Gesichtsausdruck seiner Mutter vergessen, als er wie ein Schwerverbrecher aus dem Polizeiauto stieg und von den Polizisten in den Laden geführt wurde.

„Jessus Maria!“ Frau Schneider, die jeden Morgen nach der Frühmesse ihre Brötchen bei ihnen kaufte, starrte Stefan entsetzt an und bekreuzigte sich. Und Herr Krügerjohann, der wie immer um halb sieben seinen Pott Kaffee samt Schinkenbrötchen und Bild-Zeitung verschlang, zog seinen wissenden Blick auf: Es musste ja so kommen mit der Jugend heutzutage.

Sein Auftritt hätte auch live im Fernsehen übertragen werden können, in wenigen Stunden würde ganz Lüdinghausen wissen, dass er die Laufbahn eines Schwerverbrechers eingeschlagen hatte. Frau Schneider und Herr Krügerjohann waren diesbezüglich effektiver als ARD und ZDF zusammen.

Doch bevor er auch noch vor den Kronzeugen seines Niedergangs in den Laden kotzen musste, stürzte er die Treppe hoch und steuerte unverzüglich das Badezimmer an. Der Anblick weißer Kacheln verhinderte auch dieses Mal die erfolgreiche Entsorgung des unheilvollen Mageninhalts. Das war ihm jetzt aber auch egal, Hauptsache ab ins Bett, und dass sein Vater und seine Mutter noch in der Bäckerei beschäftigt waren, bewahrte ihn wenigstens vorläufig vor peinlichen Nachfragen. Jetzt erstmal schlafen, und beim Einschlafen an Ann-Kathrin denken. Aber über der Frage, ob man sich einen Traum solcherart herbeiwünschen könne, war er auch schon weggedämmert.

 Irgendwann am Nachmittag wachte er auf und fürchtete augenblicklich verdursten zu müssen. Weit und breit keine Wasserflasche in der Nähe und auf der Suche nach etwas Trinkbarem drohte die Gefahr seinem Vater oder seiner Mutter über den Weg zu laufen. Aber spätestens um sieben, nachdem die Bäckerei geschlossen hatte und sich die Familie zum Abendessen versammelte (absoluter Pflichttermin) würde das Strafgericht über ihn hereinbrechen. Doch soviel Zeit blieb ihm nicht. Gegen fünf Uhr polterte seine Mutter die Treppe herauf. Entweder hatte sie Sabine, das Lehrmädchen, oder seine Schwester Monika dazu verdonnert, sie in der Bäckerei zu vertreten. Er zählte die sieben bis acht Sekunden, die seine Mutter üblicherweise vom unteren Treppenabsatz bis zu seiner Zimmertür brauchte. Doch heute stellte sie eine persönliche Bestleistung auf.

Obwohl sie ziemlich außer Atem war, entwickelte sie einen erstaunlichen Redeschwall.

„Was haben wir nur falsch gemacht, dass du uns so was antust. Dein Vater und ich ackern Tag und Nacht, damit ihr es einmal besser habt, und dann wirst du von der Polizei vorgeführt. Du kannst von Glück reden, dass du keine Anzeige bekommst…“

Stefan versuchte auf Durchzug zu stellen. Wie sollte er seiner Mutter den Verlauf des letzten Abends vermitteln. Hatte sie vielleicht mal mit 16 oder 17 für einen Typen geschwärmt, der ziemlich unerreichbar war. Hatte sie vielleicht nicht auch irgendeinen Blödsinn angestellt? Besoffen oder sogar bekifft? Seine Mutter!! Trotz des trockenen Mundes und dem dröhnenden Schädel wurde ihm gerade klar, dass er über diesen Lebensabschnitt seiner Eltern so gut wie nichts wusste. Und die Vorstellung, vielleicht irgendwann Einzelheiten darüber zu erfahren, quittierte sein Magen mit einem konvulsivischen Zucken.

Scheiße, habe ich gerade keine anderen Sorgen, als mir über das frühe Liebesleben meiner Eltern Gedanken zu machen. Seine Schwester war immer mit Typen zusammen, die genau zu ihr passten. Zumindest die zwei oder drei, die er miterlebt hatte, bevor sie zum Studium nach Münster ging. Jedenfalls hatten seine Eltern an ihren Freunden nicht viel rumzumeckern, und im Polizeiwagen ist sie nie nachhause gebracht worden. Fast wurde er gerade ein bisschen stolz auf sich, doch dann wurden seine Gedanken wieder durch die schneidende Stimme seiner Mutter unterbrochen.

„Ich trau mich kaum morgen den Laden aufzuschließen. Was sollen nur die Leute denken. Kannst du mir mal verraten, was ihr da getrieben habt?“

Gesoffen. Gekifft. Gesoffen. Gekifft… Sollte Stefan ihr das wirklich so sagen? Und wollte seine Mutter das auch überhaupt hören? Nein. Garantiert nicht. Also versuchte er es mit unverständlichem Murmeln.

„Tja, äh… Hm… Irgendwie. Also, ich, äh, weiß nicht so…“

Bevor seine Mutter auch noch irgendetwas sagen konnte, stand plötzlich sein Vater in der Tür. „Da ist eine junge Dame die unseren Herrn Sohn sprechen will.“ Bevor bei Stefan auch nur der leiseste Hauch von Hoffnung aufkeimen konnte, drängte sich auch schon Anette an seinem Vater vorbei.

„Guten Tag, Frau Schulz. Stefan, alles in Ordnung bei dir?? Du warst auf einmal weg und ich habe mir Sorgen gemacht. Hab gehört die Polizei hat dich nach Hause gebracht.“

Frau Schulz und Herr Krügerjohann hatten also ganze Arbeit geleistet.

Auch das noch, dachte sich Stefan und wünschte sich in einem tiefen, dunklen Loch zu versinken. Was will die denn jetzt hier??

„Siehst du, Stefan! Die ganze Stadt weiß schon Bescheid. Wie konntest du uns das nur antun?? Jetzt will bestimmt niemand mehr Brötchen bei uns kaufen und…“

Stefan schaltete auf Durchzug. Er wollte einfach gar nichts mehr hören. Er wollte nur zu Ann-Kathrin. Mit ihr durchbrennen. Auf eine einsame Insel oder so. Selbst Holland zog er in Betracht.

„Das wird ein Nachspiel haben, Freundchen. Wir erwarten dich pünktlich um Sieben unten zum Essen!“ Laut schimpfend donnerte seine Mutter die Treppe herunter.

„Oh, da habe ich wohl gerade einen schlechten Zeitpunkt erwischt…“

„Wie jedes mal… Anette, ich habe jetzt wirklich keine Lust zu quatschen. Ich muss überlegen, wie ich das Inquisitionskommando am besten überlebe.“

„Na gut. Ruf mich doch mal an die nächsten Tage. Drücke dir die Daumen!“ In der Tür drehte sie sich noch einmal um, lächelte verschüchtert und sagte:

„Übrigens schön, dass dir nix Schlimmes passiert ist.“

 Natürlich wartete Anette nicht auf seinen Anruf, sondern rief direkt am nächsten Tag an. Wahrscheinlich hatte sie sich schon gedacht, dass Stefan sich eh nie bei ihr gemeldet hätte.

„Und? Wurdest du gefoltert?“

„Gefoltert??“

„Ja, von dem Inquisitionskommando. Die Hexen, die haben die damals gefoltert.“

Das sollte wohl witzig sein, denn Anette gluckste laut in den Hörer.

„Ach so. Nee. Muss ´ne Woche in der Backstube aushelfen. Unentgeltlich natürlich.“

„Ach, das geht doch. Von wann bis wann musst du denn immer arbeiten?“

„Von Nachts Drei bis Morgens um Sieben.“ Bei dem Gedanken, eine Woche lang um kurz vor Drei aufzustehen, drehte sich Stefan immer noch der Magen um. Aber wie sein Vater so schön sagte: Strafe muss sein! Und Arbeit hat noch niemandem geschadet!

„Dann können wir ja mal mittags zusammen schwimmen gehen. Mittwoch soll es richtig schön werden. Was meinst du?“

Wie war das doch gleich mit dem Spatzen in der Hand und der Taube auf dem Dach? Und ehe Stefan weiter überlegen konnte, hörte er sich sagen:

„Warum nicht.“

„Spitze! Dann hol mich doch Mittwoch um 12 Uhr ab.“

„Okay.“

Sie legten auf. Stefan war etwas verwirrt. Hatte er sich gerade tatsächlich mit Anette zum Schwimmen verabredet?

 Mittwoch. Kurz nach 12 Uhr. Tag 3 mit nur jeweils 4 Stunden Schlaf. Es war brüllend heiß, und Stefan hatte das Gefühl, gleich vom Fahrrad zu kippen. Anette legte mit ihrem Rad ein beachtliches Tempo hin und Stefan hatte Mühe ihr zu folgen.

Hellwach wurde er schlagartig, als ein metallic-blauer BMW-Cabrio sie überholte. Pascal Kalkbrenner machte mal wieder eine „Probefahrt“, kein Problem als Sohn des größten Autohändlers am Ort. Nichts gelernt, strohdoof in der Birne, aber viele Frauen fielen offenbar auf dicke Autos rein. Doch was er eben gesehen hatte, das ließ ihm die Knie schlottern. Erstaunlich, wie viele Einzelheiten man innerhalb weniger Sekunden wahrnehmen kann. So schnell dieser Idiot auch vorbei gerast war, Stefan hatte die Beifahrerin klar erkannt, und er hatte sogar gesehen, wie der widerliche rechte Arm Pascals auf der wunderbaren Schulter von Ann-Kathrin lag.

 Am See angekommen ließ er sich ins weiche Gras fallen. Anette, die die Cabrio-Aktion nicht mitbekommen hatte, hielt seine schlechte Laune für das Ergebnis seiner nächtlichen Strafarbeit und der daraus resultierenden Müdigkeit. Immerhin ließ sie ihn erst einmal in Ruhe, und nachdem er sich überlegte, wie bescheuert er eigentlich war, sich irgendwelche Hoffnungen auf Ann-Kathrin zu machen, nur weil sie ihm einen Joint entgegenhielt, und überhaupt, wie größenwahnsinnig kann man denn sein…, riß ihn Anette aus seinen Grübeleien.

„Los, auf ins Wasser, sonst schläfst du mir hier noch ein.“

Als sich Stefan umdrehte verschlug es ihm fast die Sprache. Wer hätte gedacht, dass sich unter den von Anette bevorzugten wallenden Gewändern sich so eine Figur verbarg!

Sie streckte ihm die Hand entgegen, um ihn hochzuziehen. Und als er stand, ließ sie seine Hand nicht los. „Du musst mich schon führen. Ohne Brille bin ich ja fast blind.“

Stefan war erstaunt, dass ihm das gar nicht so unangenehm war.

 Ist das nun schon eine Beziehung, fragte er sich, als sie zum dritten Mal am See waren. Beim ersten Mal war es noch beim Händchenhalten geblieben, naja einen Kuß drückte sie ihm noch auf die Wange, als er sie vor ihrer Haustür abgeliefert hatte. „Das Wetter soll schön bleiben, wir können ja noch mal…“, rief sie ihm hinterher. „Ich ruf dich an.“

Ja,ja“, radelte Stefan davon. Ein bisschen wollte er sich noch aufs Ohr legen, schließlich musste er um drei Uhr wieder arbeiten.

Das schöne Wetter hielt tatsächlich an, und am übernächsten Tag kam am Baggersee das, womit er schon gerechnet hatte und nicht so recht wusste, wie er damit umgehen sollte.

„Kannst du mir mal den Rücken eincremen?!“

Es gibt Fragen, die sind gar keine, weil sie nicht wirklich eine Antwort zulassen.

Trotzdem überlegte er, ob es nicht doch eine Möglichkeit gäbe, sich da

rhetorisch rauszuwinden, doch da streckte ihm Anette schon die Tube mit der

Sonnencreme entgegen, drehte sich auf den Bauch und öffnete umständlich den

Verschluß ihres Bikini-Oberteils.

Weil er viel zu fest auf die Tube gedrückt hatte, hatte er nun eine Menge

Sonnencreme zu verarbeiten.

„Dann creme mir doch auch noch die Beine ein.“

Anette war raffinierter als er dachte. Und da saß er nun mit gefühlten 5 Litern

Sonnenmilch in seiner Hand und wusste nicht so Recht wo er anfangen sollte.

Zuerst den Rücken oder die Beine? Stefan fing an zu schwitzen.

„Wenn du mich nicht mal so langsam eincremst, verbrenne ich mich noch total.“

„Äh, ja. Natürlich.“ Sprachs und goss die mittlerweile flüssig gewordene Sonnencreme auf ihren Rücken. Anette schrie kurz auf und legte sich dann wieder seufzend hin. Mit zitternden Händen verteilte er die Milch auf ihrem Rücken. Hm, fühlt sich gut an, so ein Rücken. Anettes Rücken. Und so weiche Haut. Als er überlegte, ob es möglich ist, sich in einen Rücken zu verlieben, riss Anette ihn aus seinen Gedanken.

„Ich glaube, mein Rücken ist genug eingecremt.“

„Äh, ja. Natürlich.“ Ein Meister der großen Worte war er heute nun wirklich nicht. Jetzt kamen die Beine dran. Immer noch zitternd fing er an, sich an ihren Beinen zu schaffen zu machen. Und… die fühlten sich auch großartig an! Mit kreisenden Bewegungen massierte er die Creme ein und verfiel in eine Art Trance. Stefan war sich sicher, er könnte stundenlang so weiter machen. Er lächelte. Bis er ein ihm wohlbekanntes Pochen in der Lendengegend vernahm… Oh Nein!! Das hatte ihm jetzt noch gefehlt!! Eine Erektion am helllichten Tag, an einem See, in Badehose und… ausgelöst durch Anette!! Abrupt hörte er auf und schmiss sich auf den Bauch. Tante Hedwigs Fuß. Tante Hedwigs Fuß. Tante Hedwigs Fuß.

„Alles okay bei dir, Stefan?“

„Tante Hedwigs Fuß!“ Ach Gott, hatte er das jetzt wirklich laut gesagt??

„Wessen Fuß??“ Anette war, zu Recht, verwirrt.

„Ach, nix.“

„Find ich ja toll, dass du an irgendeinen Fuß denkst während du mich eincremst.“ Schmollend drehte sich Anette um. Stefan nahm die Gelegenheit beim Schopfe und hechtete schnurstracks ins Wasser. Eine Abkühlung hatte er mehr als dringend nötig!

 Stefan fasste sich ein Herz und rief Anette direkt am nächsten Tag an. Der gestrige Badetag war nämlich gründlich in die Hose gegangen, nachdem Stefan ungefähr eine halbe Stunde lang nicht das Wasser verlassen konnte. Als er sich wieder auf seine Decke legte, schmollte Anette immer noch. Aber die Sache mit Tante Hedwigs Fuß wollte und konnte er nun wirklich nicht aufklären! Etwas getrübter Stimmung gingen sie wenig später auseinander.

 „Hi, ich bin’s. Stefan.

„Hi.“

„Hör mal, tut mir leid wegen gestern. Ist doof gelaufen.

„Was war das denn mit dem Fuß?“

„Äh, nix wichtiges.“

„Okay. Aber als Entschädigung kannst du mich ja heute auf eine Pizza bei Antonio einladen.“

„Klaro.“

„Um 18 Uhr da?

„Um sechs?“ Normalerweise traf er sich Samstags um diese Zeit mit ein paar Kumpels um die Sportschau zu kucken.

„Ja was ist jetzt?“

„Ja okay, um sechs.“

„Sehr schön. Ich freue mich. Bis später.“

„Äh, ja. Ich mich auch. Bis später.“

 Ausnahmsweise hatte sie heute mal nicht ihr Schlabberzeug angezogen. Anette überraschte ihn doch immer wieder. Sie sah einfach umwerfend aus! Schon etwas stolz geleitete Stefan Anette an einen Tisch. Und da saßen sie nun bei Kerzenschein, künstlichen Blumen und unter einem Fischernetz mit Plastikfischen. Im Hintergrund säuselte und schmachtete es italienisch aus den Lautsprechern. Wenn er mit seinen Kumpels da war, hatte er den Laden nie als so kitschig empfunden. Doch Anette strahlte. „Daß ich das noch mal erleben darf . Ein romantisches Abendessen mit dir.“

Stefan dachte an Sonnencreme und bestellte zwei Gläser Lambrusco, während Anette immer noch in der Speisekarte stöberte, als sei sie in einem Luxusrestaurant. Dabei gab es bei Antonio nur acht verschiedene Pizzen und drei Nudelgerichte.  

„Sollen wir uns einen Salat teilen?“

Es war Stefans erste Erfahrung mit salatessenden Frauen. Er konnte sich nicht erinnern, ob er seitdem mit einer Frau essen war, die nicht einen Salat essen wollte. Das extremste diesbezüglich war ein Möchtegern-Model, die sich nur einen kleinen Beilagensalat bestellte, und den, nachdem sie eine halbe Stunde darum herumgestochert hatte, zur Hälfte wieder zurückgehen ließ. Und dabei so tat, als wäre sie kurz vorm Platzen. Die Beziehung hielt nicht lange.

„Ja klar, können wir uns einen Salat teilen.“ Stefan hatte eigentlich nur deshalb zugestimmt, weil er bei Antonio noch nie einen Salat gesehen hatte und auf dessen Kreation gespannt war.

„Den Salat vorneweg oder zur Pizza dazu“; fragte denn auch Antonio leicht irritiert und zugleich etwas pampig.

„Wir teilen uns den als Vorspeise.“

Anette war mit ihren Eltern öfter in den besseren Lokalen der Stadt unterwegs.  Seine Eltern bestellten immer alles gleichzeitig. Wenn sie denn überhaupt mal auswärts aßen. Und sie verschlangen auch alles gleichzeitig.

Immerhin tranken sie beide synchron, und mit dem zweiten Glas Lambrusco kam auch der etwas welke Salat auf den Tisch. Sie starrten beide irritiert auf das traurige Häufchen Elend und fingen schallend an zu lachen. Das Eis war gebrochen und sie redeten und redeten und lachten und aßen und tranken weiter fleißig Lambrusco. Beim fünften Glas standen auf einmal Michael, Dieter und Thorsten vor ihnen.

„Ach deswegen konnte der Herr heute keine Sportschau kucken.“

Stefan schaute verdattert auf seine Uhr. Es war kurz nach Acht. Hatte er jetzt tatsächlich fast zwei Stunden ununterbrochen mit Anette geredet?? Er konnte sich nicht daran erinnern jemals so lange mit einer Frau gequatscht zu haben. Er hatte die Zeit völlig vergessen. Das war ihm noch nie passiert.

„Das ist der Anfang vom Ende. Sportschau verpassen wegen einer Frau!“

„Manchmal muß man halt andere Prioritäten setzen“; schwafelte Stefan schon leicht benommen vom Lambrusco.

„Ihr müsst unbedingt den Salat hier bestellen. Der ist spitze!!“ Stefan und Anette prusteten los.

„Entweder Weinrausch oder Liebesrausch. Komm, wir lassen die beiden Turteltäubchen lieber allein. Denen ist nicht mehr zu helfen.“

„Gott sei Dank, die sind wir los. Darauf sollten wir noch einen trinken.“

 Irgendwann, Stefan wusste nicht mehr genau wann, stolperten sie Arm in Arm aus Antonios Restaurant. Weinselig wankten sie die Straße herunter, bis sie auf einmal vor Anettes Elternhaus standen.

„Tja dann…“ Stefan wusste nicht so genau was er jetzt machen sollte, obwohl Anette deutliche Signale sendete.

„Tja, dann…“ sagte auch Anette und schaute ihn sehnsüchtig an.

Stefan stolperte mehr nach vorne, als dass er sich nach vorne gebeugt hätte und riss Anette fast zu Boden. Zum Glück konnte Anette sie beide halten. Ihre Gesichter waren sich nun gefährlich nahe…

Das nächste Stolpern schien Stefan von Anette provoziert, obwohl er schon vorher ihre Hüfte umfasst hielt.

Das also ist jetzt ein Zungenkuß, dachte Stefan leicht irritiert, als dieses glitschige Ding in seinen Mund eindrang. Er versuchte mit seiner Zunge irgendeine Ordnung in diesen Wirrwarr hineinzubringen. Austausch von Körperflüssigkeiten, das hatte er sich irgendwie anders vorgestellt. Er erwischte eine Stelle unter ihrer Bluse, wo er Zugang zu ihrem Bauch fand. Auf seinem Eroberungszug nach oben traf er mit seiner linken Hand auf ihren BH. Der Versuch, irgendwie darunter zu gelangen, scheiterte an der engen Passform. Von seiner Baggersee-Erfahrung wusste er, dass dieses Ding irgendwie hinten aufging. Blöd, da hat man eine ältere Schwester, und weiß trotzdem nichts von solchen Sachen.

Trotz aller Verwirrung registrierte Stefan, wie Anette es ganz souverän  verstand, inmitten der Knutsch-Aktion wie beiläufig ihre Brille abzunehmen und in ihrer Handtasche zu verstauen.

Stefan kam sich wie ein Anfänger vor, der er ja auch war. Dagegen kam ihm Anette ungemein routiniert vor, obwohl er sie noch nie mit einem anderen Typen gesehen hatte.

Etwas später flüsterte Anette etwas von der Familienkutsche in der Garage, deren Türen unabgeschlossen waren. Stefan stolperte mehr als er ging mit Anette zur Garage, und als Anette die Beifahrertür öffnete, fielen sie auch schon auf die Vordersitze des Admirals.

Viel bequemer als im Vorgarten war es hier auch nicht. Dennoch genoss Stefan                 diese exotische Art von Erotik, in einem filmreifen Ambiente. Die Lenkradschaltung piekste, der Magnet-Christophorus am Armaturenbrett rutschte ihm irgendwie in den Hemdkragen, sein Fuss verhedderte sich mehrmals in dem Sicherheitsgurt.

Eigentlich fand Stefan toll, wie seine Hände Anettes Kleidung auf der Suche nach Körper durchpflügten, doch er spürte, wie ihn Konzentration und Spannung zunehmend verließen.

Halbwegs klar im Kopf wurde er wieder, als ihn Anette vollends in den Fussraum des Wagens drücken wollte und sein Kopf gegen die Kurbel des Seitenfensters krachte.

Moment mal, dachte sich Stefan. Irgendwie wurde ihm das gerade alles zu viel. Mit gefühlten 3 Litern Lambrusco im Bauch irgendwelche Verrenkungen in dem Admiral von Anettes Eltern zu machen. Nein!! Das geht gar nicht!! Und außerdem wusste er auch gar nicht so genau, was er denn anstellen sollte. Natürlich hatte er schon mit seinen Kumpels über das Thema geredet und hatte auch ein paar einschlägige Magazine gelesen, aber, das war ja nur Theorie. In der Praxis hatte er jedoch null Erfahrung. Er fing an zu schwitzen. Wie immer, wenn er in einer ihm ausweglosen Situation steckte. Was mache ich jetzt nur? Was mache ich jetzt nur? Überlegte Stefan fieberhaft. Doch bevor er auch nur irgendetwas sagen konnte, rettete Anette die Situation:

„ Ganz schön unbequem hier, hm? Sollen wir nicht lieber jeder in sein eigenes Bett gehen und wir verschieben das ganze? Meine Eltern sind in drei Wochen für ein Wochenende weg und wir hätten viel mehr Ruhe. Und auch Platz.“

Anette zwinkerte ihm kokett zu. Stefan war ihr in diesem Augenblick so dermaßen dankbar, dass er es nicht in Worte fassen konnte und ihr nur ein Ja ins Ohr stammelte.

Unbeholfen stiegen beide aus dem Wagen, wobei Stefan eher aus dem Auto purzelte und Anette ihm aufhelfen musste. Verschämt strich er sich die Haare glatt.

„Also bis dann.“

„Ja, bis dann.“

Zum Abschied lagen sie sich noch einmal in den Armen und küssten sich. Stefan brachte Anette zur Haustür und machte sich dann auf den Weg nach Hause. Und da fing sein Gedankenspiel an. Jetzt wurde es langsam ernst. Das fühlte sich ja alles nicht schlecht an. Verdammt, das ist doch das normalste von der Welt, alle machen das, also mach da nicht so ein Problem draus.

  Wieder zu Hause erlebte er eine schlaflose Nacht: In drei Wochen ist es so weit. Vielleicht. Drei Wochen. NUR drei Wochen!! Wo hole ich mir denn jetzt praktische Erfahrung her?? Nicht dass ich versage und wie ein Depp da stehe. Und am Ende sogar noch von so einem 20-jährigen Pascal mit dicker Hose ausgebootet werde. Ein Plan muss her. Und zwar ganz dringend!! Kann man so was üben? Nur wie? Und vor allen Dingen mit wem?

Bevor sich die Buchstaben in seinem Kopf formten, sprach er sie schon laut aus. PUFF.

Es ist so einfach wie genial. Puff! Warum nicht? Was spricht dagegen? Ein ehrenwertes Gewerbe. Immerhin das älteste der Welt. Was hindert mich, die Technik des Vorgehens zu erproben?

Mit einem fast ausgereiften Plan schlief Stefan zufrieden ein.

 Es wollte der Zufall, dass er am nächsten Wochenende ohnehin einen Kurztripp mit Michael vor hatte. Michael war schon 18, hatte den Führerschein, ein Auto und verfügte über einschlägige Erfahrungen. Behauptete er zumindest.

„Okay, das Problem kann man lösen,“ sprach der Lebemann. „Da ist Holland genau das richtige Pflaster.“

Kaum waren Michael und Stefan in Den Haag angekommen, machten sie sich, oder genauer, machte sich Michael auf die Suche nach einem Puff.

Der Profi kannte sich aus. „Entschuldigen Sie, wo ist denn hier der Hauptbahnhof?“

Nach einer umständlichen und nur halb verständlichen Wegbeschreibung entgegnete Michael: „Ach, neben dem Puff!“? „Nein, der ist da und dort.“

Nach einer halben Stunde Fußweg standen sie vor einer langgestreckten Häuserzeile, in deren Fenstern Frauen aus aller Herren Länder in aufreizender Wäsche standen und für 20 Gulden den Himmel auf Erden versprachen.

Mindestens fünf Mal gingen sie hin und her bis sie sich endlich auf eine exotische Schönheit geeinigt hatten. Stefan war verwirrt, denn so viele schöne Frauen auf engstem Raum hatte er noch nie gesehen. Mindestens zwanzig hatten ihm ausnehmend gut gefallen.

Während Stefan noch total verwirrt war, hatte Michael schon eine Dame für ihn ausgewählt, nach welchen Kriterien auch immer. „Das ist genau die Richtige für einen Anfänger wie dich.“

Man einigte sich auf ein Abkommen: Beide sollten rein gehen mit der Auflage, sich nachher die Erlebnisse zu erzählen. Handschlag! Nun wurde noch ausgelost, wer der Erste sein sollte. Stefan gewann, oder verlor. Das konnte er nicht so richtig einschätzen.

Der Türdrücker wurde betätigt und Stefan trat zitternd vor Nervosität ins spärlich beleuchtete Zimmer. So viel Kitsch und Kram hatte er noch nie gesehen. Aber egal! Darum ging es schließlich nicht!  

„Erst mal Vorkasse – 20 Gulden“, sprach die leichtbekleidete Dame in fast akzentfreiem Deutsch. Stefan überreichte ihr immer noch zitternd das Geld.

„Dann zieh dich mal aus und leg dich aufs Bett.“

„Äh…“

„Oder soll ich das machen?“

„Mich aufs Bett legen?“

„Dich ausziehen natürlich!“

„Äh ja, selbstverständlich. Nein, ich meine, natürlich nicht!“

„Ja, was denn nun? Ihr Deutschen seid echt kompliziert.“

„Also, was ich meine ist… Also… Ich ziehe mich aus und lege mich dann unter die Decke.“

„Na, so lange du dich nicht unters Bett legst…“ Die Dame fing an zu kichern. Na, toll! Selbst bei einer Dirne stelle ich mich an wie ein Vollidiot! Seinen nächsten Satz konnte er schon gar nicht mehr weiter denken, denn die Dame fasste ihn mit geübtem Griff in den Schritt und nestelte an seinem Reißverschluss herum. Ehe er sich versah, hatte sie ihn auch schon in der Hand. Stefan starrte erschrocken auf ihre Handfläche. Welch trauriger Anblick! Am liebsten hätte er angefangen zu heulen. Aber nein, da musste er jetzt durch, wenn er sich nicht zum Volldeppen machen wollte. Er versuchte an Sonnencreme, weibliche Rücken und Oberschenkel zu denken, doch vergebens. Nach einer gefühlten Stunde innigen Reibens hielt die Dame plötzlich inne und sagte: „Das bringt jetzt nichts mehr. Da sind Hopfen und Malz verloren.“

Knallrot vor Scham machte Stefan seine Hose zu und schlich betreten aus der Tür. Na, das war ja mal ein totaler Reinfall. Was mache ich denn jetzt nur?? Ich kann auf gar keinen Fall jetzt schon zu Michael gehen. Und was er dann tat, war das bisher beschämendste in seinem Leben. Er lief eine halbe Stunde vor der Tür auf und ab, bis ihm einfiel, dass er in einem amerikanischen Film mal eine ähnliche Situation gesehen hatte. Er riß sich zusammen und bemühte seine ganze Schauspielkunst, um mit stolz geschwellter Brust und triumphierend vor Michael aufzutauchen.

Er drehte die Augen nach oben. Ich muß so tun, als hätte ich gerade den Himmel gesehen. So stellte er sich den Orgasmus mit einer Frau vor.

„Das war der absolute Wahnsinn!“

„Ähm, ja. Das ist doch toll für dich.“

„Das ist noch untertrieben. Und jetzt bist du dran.“

„Ja okay, dann mal rein ins Vergnügen. Bis später.“

 

Stefan wartete im Cafe gegenüber, bis Michael nach über einer Stunde endlich zurückkam.

„Oh Mann, eigentlich hätte die mir was bezahlen müssen, so wie die geschrieen hat.“

„Is klar. Das macht die bei jedem. Gehört doch zum Geschäft.“

„Quatsch, ich kenn mich da aus, das war nicht gespielt.“

„Ich glaub dir kein Wort.“

Und trotzdem kam sich Stefan wie ein erbärmlicher Versager vor.

Erst Jahre später, als sie beide besoffen an irgendeiner Theke standen, gab Michael zu, dass an jenem Abend auch bei ihm nichts gelaufen war.