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Kneipenroman
Kritiken

 

10.11.2011
Ressort: QS
Stefans Liebesleben ist fremdbestimmt
PROJEKT Im "K41" entsteht ein Kneipenroman - Jeder, der sich berufen fühlt, kann ein paar Zeilen beisteuern

VON SUSANNE HENGESBACH

Sülz. Stefan ist wahrlich kein Typ, den man gleich ins Herz schließt. Wer wie er aus Lüdinghausen, also dem tiefsten Münsterland, stammt, eine schwere Kindheit hatte und nicht gerade wie George Clooney daherkommt, tut sich eh schwer, erst recht bei den Mädchen. Aber dann sind da noch Marion und Ulrike und Thorsten, die ihm in sein Liebesleben reinquatschen. Ach, wenn es wenigstens schon so weit wäre! Über die Planung seines ersten Mals mit Annette ist Stefan nämlich bisher noch nicht hinausgekommen. Und ausgerechnet in dieser höchst heiklen Phase meinen ein paar Leute in einer Sülzer Kneipe, Stefan gute Ratschläge erteilen zu können.

Nach der linkischen Annäherung steht für Dieter fest, dass es jetzt "unbedingt schweinisch weitergehen" muss. "Ja, ist doch kaum zum Aushalten mit den beiden", mischt sich Ulrike ein, während ein anderer Gast besagte Annette am liebsten abschießen würde. "Die scheitert an der Fünf-Prozent-Klausel", murmelt Marion und notiert etwas auf einem Bierdeckel.

Ob das so sein wird und wann Stefans Liebesleben endlich in Gang kommt, entscheiden ja nicht nur die zwei, sondern alle; denn Stefan ist die Hauptfigur in einem Roman, der von Kneipengästen verfasst wird.

Einer von diesen, Roderich, schreibt wie besessen. Vor ihm auf dem Tresen stapeln sich bereits Bierdeckel, was wiederum den Wirt freut. Die voll gekritzelten Untersetzer schwemmen zwar kein Geld in die Wirtshauskasse, steigern jedoch den Spaßfaktor. Seit gut fünf Monaten läuft im "K41" das Projekt "Kneipenroman." Dafür trifft sich jeden zweiten Donnerstag eine variable Anzahl von Gästen und grübelt, wie es mit Stefan, Annette, Willi und dem etwas seltsamen Psychologen aus Rodenkirchen weitergeht.

Die von den Gästen notierten Vorschläge werden gesammelt, vorgelesen, diskutiert. Schließlich wird darüber abgestimmt, welche Version die mehrheitsfähigste ist. Der Hintergrund für die gemeinschaftliche Denkanstrengung ist simpel. Die Anstalt für "betreutes Trinken", wie Ulrich Horn sein Lokal scherzhaft nennt, liegt ein wenig abseits der Sülzer Laufmeile am De-Noël-Platz. Um auch Gäste aus anderen Stadtteilen anzulocken, bietet der ehemalige Journalist neben gelegentlichen "Offene Bühne"-Veranstaltungen neuerdings auch "Table-Quiz"-Abende an und hofft auf Verstärkung des Roman-Teams.

Damit uneingeweihte Gäste ebenfalls mitmachen können, geben Horn und seine Projektpartnerin Denise Prüfer jedes Mal eine Einführung in das, was bisher geschah. Selbstverständlich erhält jeder Neueinsteiger auch Zugriff zu dem Ordner mit dem bereits verfassten Stoff. Viel schöner ist jedoch, sich die Handlung vorlesen zu lassen und damit die Arbeit zu würdigen, die Prüfer und Horn vor jedem Roman-Abend leisten.

Sie bringen die Bierdeckel-Texte nämlich in ein Din-A4-Format und nehmen hier und dort Überarbeitungen vor. Im Gegenzug darf sich jeder Gast - und sei es, dass er auch nur eine Zeile zustande gebracht hat - aus einem Pittermännchen bedienen, das der Wirt spendiert.

Ab und zu fliegen durchaus die Fetzen. Wie zum Beispiel an jenem Abend, als man sich nicht auf den Namen der Kneipe einigen konnte, die Ausgangsort für die Romanhandlung ist. Abgeschmettert wurde der in Anlehnung an das Haupthaar des Wirt gelieferte Vorschlag "Zum Schöngeföhnten" genauso wie "Kuschelwirt". Der vorläufige Arbeitstitel lautet "Einlauf", obwohl Ulrikes Idee "Amys Winehouse" geradezu nach Verwendung schreit.

Was soll´s! Zu allererst muss nun darüber abgestimmt werden, ob die erektile Dysfunktion, die Stefan am Vollzug seiner sexuellen Generalprobe in einem holländischen Bordell hinderte, als Einzelaussetzer gewertet werden kann oder chronisch auftritt.

Die Kneipentür öffnet sich und ein Mann huscht herein, der sich in den zurückliegenden Wochen den Titel "der Meckerer" erarbeitet hat. Er hockt sich stumm an den Tresen. Weiter seitlich brütet ein Paar über einem Kreuzworträtsel im "Zeit"-Magazin.

Normalerweise sind auch diese beiden im Roman-Team, doch die ausschweifenden Gedanken um Stefans Erst-Verkehr gehen ihnen so zu sagen am Allerwertesten vorbei. "Dagegen ist Henry Miller ja wie ein Kindergeburtstag!" Wie dem auch sei: Ziel des Projektes ist natürlich, dass irgendwann ein druckfrischer Roman in der Buchhandlung liegt.